Die Hungerkrise in Ostafrika: welche Rolle spielen der Klimawandel und die jahrelange Vernachlässigung der Landwirtschaft?

Die Hungerkrise in Ostafrika: welche Rolle spielen der Klimawandel und die jahrelange Vernachlässigung der Landwirtschaft?

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Kaplan, Marcus / Chinwe Ifejika Speranza
Die aktuelle Kolumne (2011)

Bonn: German Development Institute / Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE) (Die aktuelle Kolumne vom 22.08.2011)

Bonn, 22.08.2011. Zurzeit sind 12 Millionen Menschen in Ostafrika von der größten Trockenheit und der dadurch ausgelösten Hungersnot seit 60 Jahren betroffen. Der Grund für die Dürre ist La Niña, ein großräumiges klimatisches Phänomen über dem Pazifik, das in unregelmäßigen Abständen für starke Niederschlagsrückgänge auch im Osten Afrikas sorgt. Ob und in welchem Maße La Niña durch den Klimawandel gefördert wird, und ob in Zukunft eine weitere Verstärkung zu erwarten ist, wird aktuell diskutiert. Insgesamt müssen wir aber von einer deutlichen Zunahme von Schwankungen sowie einer langfristigen Veränderung der klimatischen Parameter und dauerhaften negativen Einflüssen auf die Landwirtschaft ausgehen.

Klimaschwankungen treffen auf fehlende Entwicklung und Marginalisierung
Die gravierenden Auswirkungen, die wir derzeit beobachten, resultieren aus dem fatalen Zusammenspiel einer klimatischen Extremsituation mit einer verwundbaren Landwirtschaft und ausgebliebener Entwicklung. Ein Großteil der betroffenen Menschen sind Nomaden, deren Wandermöglichkeiten immer mehr eingeschränkt werden, so dass sie mit ihren Herden nicht mehr so einfach in Regionen mit Wasser und besseren Weiden ziehen können. Durch die jahrzehntelange Vernachlässigung der ländlichen Räume wurden die Menschen, und hier besonders ethnische Minderheiten, zunehmend marginalisiert. Die landwirtschaftliche Produktivität stagniert. Bauern haben kaum Einfluss auf Entscheidungsprozesse wenn es z. B. um Landnutzung und Infrastrukturmaßnahmen geht. So beeinträchtigen Pläne zum Bau eines Staudammes in Äthiopien die Lebensgrundlagen der dort ansässigen Viehhalter und Bauern, und die Ansiedlung großflächiger, kommerzialisierter Landwirtschaft durch einheimische oder ausländische Investoren stört Wanderrouten und besetzt wertvolles Ackerland.

Bauern und Viehhalter verfügen über zahlreiche traditionelle Strategien zur Anpassung an Klimaschwankungen. Wenn aber Extremereignisse in immer kürzeren Abständen auftreten, werden ihre Fähigkeiten zur Bewältigung solcher Situationen dauerhaft überstrapaziert. Sie verlieren ihre Tiere und Ernten und somit auch ihre Lebensgrundlage. Durch Klimaveränderungen und Übernutzung werden die nutzbaren Flächen und verfügbaren Wassermengen immer kleiner, während gleichzeitig die Zahl der Menschen, die von diesen Ressourcen leben müssen, weiter wächst – Konflikte sind vorprogrammiert. Im Grenzgebiet zwischen Äthiopien und Kenia kommt es immer häufiger zu Kämpfen zwischen verschiedenen Stämmen, da der Lake Turkana durch zunehmende Verdunstung immer mehr an Fläche verliert und äthiopische Nomaden auf der Suche nach Wasser die Grenze zu Kenia überschreiten. Durch die dauerhafte Übernutzung der Ressourcen sinkt die in semi-ariden Gebieten sowieso schon niedrige Produktivität noch weiter. Gleichzeitig gibt es kaum Alternativen zur Landwirtschaft, so dass den meistens schlecht ausgebildeten Menschen nur noch ein Auswandern in andere Regionen bleibt.

Stärkeres Engagement in ländlichen Räumen nötig
Zwar wird die Notwendigkeit von Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel international akzeptiert, trotzdem tun sich sowohl die Geber als auch die afrikanischen Regierungen schwer mit der Bereitstellung finanzieller Mittel zur Unterstützung der ländlichen Regionen und der Landwirtschaft. Doch allmählich setzt ein Umdenkprozess ein – so haben sich die Mitgliedsländer der Afrikanischen Union bereits 2003 verpflichtet, stärker in ihre Landwirtschaft zu investieren. Trotz dieses Bekenntnisses haben Ernährungssicherung und Entwicklung im ländlichen Raum häufig nur eine geringe Priorität für die Regierungen, so dass sie sich oftmals auf internationale Hilfe verlassen. In Teilen Kenias werden Nahrungsmittelüberschüsse produziert, die aber nicht in Regionen mit Lebensmittelknappheit transportiert werden. Daher wird die Ernährung der dortigen Bevölkerung teilweise vom Welternährungsprogramm sichergestellt.

Aspekte, die zu einer Verstärkung der bestehenden Probleme beitragen, werden nicht angegangen. So haben die meisten Länder Afrikas immer noch die weltweit höchsten Bevölkerungszuwächse, und die Integration von Klimawandel-Anpassungsstrategien in die Entwicklungspolitik hat sich noch nicht durchgesetzt. Viele mögliche Lösungsansätze sind nicht neu, sondern seit Jahrzehnten gängige Instrumente der ländlichen Entwicklung und der landwirtschaftlichen Förderung. Doch die zuständigen nationalen Institutionen verfügen meistens nicht über ausreichend finanzielle Mittel und Einfluss für deren Durchsetzung. Das vorerst letzte Versäumnis national und international war das Ignorieren von frühzeitigen Warnungen vor der nun eingetretenen Dürrekatastrophe. Obwohl u. a. der kenianische Wetterdienst die Regierung rechtzeitig vor dieser Gefahr gewarnt hat, wurden keine Vorsorgemaßnahmen getroffen.

Anpassung und Resilienz müssen gleichzeitig gestärkt werden
Neben der Nothilfe müssen langfristige Strategien erarbeitet werden, die es den Menschen ermöglichen, sich auf Dauer selbst zu helfen. Aufgrund der Unsicherheiten der zukünftigen Klimaentwicklung sowie der skizzierten vielfältigen Probleme der Landwirtschaft und der ländlichen Regionen darf es in Afrika nicht nur darum gehen, die Landwirtschaft an die Auswirkungen des Klimawandels anzupassen, sondern die allgemeine Widerstandsfähigkeit (Resilienz) der Menschen gegen verschiedenste Störungen zu stärken. Die Übergänge zwischen diesen beiden Aspekten sind oftmals fließend, wie sich bei Aktivitäten zum Schutz von Böden und zur Steigerung der Fruchtbarkeit (z. B. Pflanzen von Bäumen) sowie der Nutzung angepasster Anbaupflanzen und Tierarten (z. B. Kamele und Ziegen anstelle von Rindern) zeigt. Auch Frühwarn-Systeme sind eine wertvolle Anpassungsmaßnahme – wenn angemessen darauf reagiert wird. Breiter angelegte Maßnahmen zur allgemeinen Verbesserung der Lebenssituation sind die Weiterbildung der Bauern und Viehhaltern, die Förderung von Vermarktungsmöglichkeiten landwirtschaftlicher Produkte sowie der Zugang zu Mikrokrediten.

Viele Menschen in marginalen Gebieten wollen bei der Entwicklung alternativer, von Land und Klima unabhängigen Lebensstrategien unterstützt werden. Hierfür benötigen sie eine bessere Infrastruktur, Zugang zu grundlegenden Dienstleistungen wie Wasser, Gesundheit und Bildung sowie nicht-landwirtschaftliche Arbeitsmöglichkeiten. Auf diese Weise werden mehrere Ziele gleichzeitig verfolgt: Die Anpassungsfähigkeit wird gestärkt, der Druck auf die natürlichen Ressourcen wird reduziert, und insgesamt werden die ländlichen Regionen ökonomisch und sozial aufgewertet.

Vorausschauende Anpassung an den Klimawandel ist eine teure Angelegenheit, aber wenn erst gehandelt wird, wenn die Folgen des Klimawandels bereits sichtbar sind, werden die Kosten noch deutlich höher, und es kann für viele Menschen bereits zu spät sein, wie die derzeitige Situation eindrucksvoll zeigt.

Über die Autorin

Ifejika Speranza, Chinwe

Geographie

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