Die Morde in Paris: Schuld ist nicht der Islam…

Die Morde in Paris: Schuld ist nicht der Islam…

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Loewe, Markus / Annabelle Houdret / Mark Furness
Die aktuelle Kolumne (2015)

Bonn: German Development Institute / Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE) (Die aktuelle Kolumne, 21.01.2015)

Bonn, 21.01.2015. 17 Menschen wurden feige in Paris ermordet: Zehn Mitglieder und Besucher der Redaktion des Satire-Magazins Charlie Hebdo, drei Polizisten und vier Kunden eines koscheren Supermarkts (letztere werden leider oft vergessen!). Das löst Trauer, Wut und Angst aus –aber auch die Gefahr, dass wir nicht mehr differenziert nachdenken:

Schuld ist nicht der Islam! Schuld ist noch nicht einmal der Islamismus. Die Täter von Paris wurden erst durch ihre krude Auslegung des Islams zu Mördern, manch andere radikale Ideologie hätte aber dasselbe bewirken können. Die entscheidende Frage ist doch: Warum waren die Täter hierfür überhaupt empfänglich? Ja: In allen Teilen der Welt ziehen derzeit ganz besonders banale und radikale Interpretationen des Islams junge Männer – und zunehmend auch Frauen – in ihren Bann, ähnlich wie dies zu anderen Zeiten dem Faschismus oder Kommunismus gelang. Die Ursachen dafür liegen jedoch zu allererst in den jeweiligen Ländern: in Frankreich, in Deutschland, in Syrien, in Nigeria…

Ursächlich für den Zulauf zum Islamismus sind in Frankreich – ähnlich wie in Deutschland – Defizite bei der Integration von Migrantinnen und Migranten, die für sie zu Perspektiv- und Orientierungslosigkeit führen. Vordergründig sind Menschen mit Migrationshintergrund in Frankreich besser integriert als in Deutschland: Fast alle sprechen gut Französisch, sie haben bessere Chancen im Bildungssystem und sind in öffentlichen Ämtern sowie in den Medien präsent. Viele Schulabgänger haben jedoch geringe Aussichten auf einen gut bezahlten Job, wenn sie Ahmed heißen und aus bestimmten Vororten von Paris kommen. Das gilt auch für die Attentäter von Paris. Hinzu kommen häufige rassistische Anfeindungen. Auf der anderen Seite fehlt vielen Migranten Orientierung: In vielen Familien werden die Sprache und die traditionellen Werte der Herkunftsländer kaum an die Kinder weiter gegeben. Auch das Wertesystem des Gastlandes überzeugt sie nicht, wenn Anfeindungen und Diskriminierungen den Alltag bestimmen. So fühlen sie sich weder hier noch dort zuhause und sind verunsichert. In dieser Situation kommen die sogenannten Hassprediger wie gerufen: Sie bieten klare Strukturen, einfache Wahrheiten und eindeutige Anweisungen sowie Anerkennung in der „neuen Familie“ – insbesondere für die Märtyrer. Mitglieder müssen nicht mehr selbst nachdenken, ihnen werden die Entscheidungen abgenommen.

Wenn es also darum geht, wie künftig Anschläge verhindert werden können, so gilt für Deutschland ebenso wie für Frankreich: Nicht durch strengere Gesetze sondern durch eine Verbesserung von Bildung und Aufklärung unter Bevölkerungsgruppen mit Migrationshintergrund, eine Erhöhung ihrer beruflichen Chancen und einen respekt- und verständnisvolleren gegenseitigen Umgang. Wir dürfen uns nicht unsere demokratischen Werte – Pressefreiheit, gleiche Rechte für alle, Toleranz und vertrauensvolles Zusammenleben – durch ein Paar Extremisten kaputt machen lassen. Schließlich hätten sie sonst gewonnen, das wollen sie doch bezwecken… Auch in der Praxis müssen die westlichen Gesellschaften zeigen, dass ihr Konzept der liberalen Demokratie besser ist als der Totalitarismus extremistischer Islamisten – und zwar für alle in der Gesellschaft – inklusive der Islamisten selbst. Ihnen sollte vermittelt werde, dass ein selbstbestimmtes Leben erfüllter ist als ein Leben in kritiklosem Gefolgsam gegenüber Massenpredigern und Ideologien.

Eine Welle des Antiislamismus wäre das Schlimmste, was nun passieren könnte. Vor allem der Front National in Frankreich und Pegida, NPD, AfD und andere in Deutschland würden davon profitieren. Dies könnte wiederum unkontrollierte Provokationen der Muslime zur Folge haben. Kurz: Wenn die Demokraten im Lande jetzt nicht aufpassen, dann besteht die Gefahr, dass sich Pegida und Islamisten gegenseitig hochschaukeln.

Für alle gilt: Feindbilder und Angst entstehen vor allem dadurch, dass wir zu wenig über die jeweils anderen wissen. Eine Hamburger Studie zeigte kürzlich, dass Wissen über den Koran Vorurteile gegenüber dem Islam deutlich abbaut. Viele Deutsche haben über den türkischen Schneider und den arabischen Shawarma-Verkäufer hinaus wenig Kontakt mit Migranten aus islamischen Ländern. Dass eine Frau aus freier Entscheidung ein Kopftuch trägt, gebildet ist und zuhause durchaus „die Hosen an hat“, können sich viele nicht vorstellen. Umgekehrt ist es für manche traditionelle Muslime unvorstellbar, dass fünfzehnjährige Mädchen nach durchtanzten und alkoholisierten Nächten keineswegs am Bahnhofsstrich landen, sondern Ärztin oder Anwältin werden.

Auf internationaler Ebene muss darüber nachgedacht werden, wie unter anderem dem Erfolg des Islamischen Staates in Syrien und dem Irak Einhalt geboten werden kann. Alleine dadurch, dass es dem Westen bis heute nicht gelungen ist, ihm ernsthaft Grenzen zu setzen, zog er große Zahlen von orientierungslosen Muslimen weltweit in seinen Bann. Bereits der erste größere Misserfolg würde dazu beitragen, diesen Bann zu brechen.

Über die Autoren

Furness, Mark

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Houdret, Annabelle

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Houdret

Loewe, Markus

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Loewe

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