Energiewende: Rolle rückwärts in die Zukunft?

Energiewende: Rolle rückwärts in die Zukunft?

Download PDF 184 KB

Lütkenhorst, Wilfried / Anna Pegels
Die aktuelle Kolumne (2014)

Bonn: German Development Institute / Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE) (Die aktuelle Kolumne, 24.02.2014)

Bonn, 24.02.2014. Die deutsche Energiewende ist der weltweit einzigartige Versuch, eine reife und große Industriegesellschaft auch ohne Nuklearenergie zukunftsfähig zu machen. Klare politische Zielvorgaben stellen Klimaschutz, Atomausstieg und den massiven Ausbau erneuerbarer Energien in den Vordergrund. Der soziale Rückhalt ist bis heute stark. Innovative, wettbewerbsfähige Industrien exportieren deutsche Energietechnologie in wachsende globale Märkte: ein Paradebeispiel für die weithin geforderte neue industrielle Revolution hin zu einer klimaverträglichen Form des Wirtschaftens.
Und doch werden die Gegenstimmen zunehmend polemisch. Die Rückzugsgefechte fossiler (im doppelten Wortsinn!) Interessen nehmen an Aggressivität zu. Um das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten, ist jetzt ein kühler Kopf gefragt.

Fakten sind hilfreich: Kosten…
Eine neue Studie des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) – in Zusammenarbeit mit dem International Institute for Sustainable Development (IISD) – analysiert einen Kernbereich der Energiewende: die Kosten und Nutzen des Ausbaus von Solar- und Windstrom. Zweifelsfrei sind die Förderungskosten erheblich. Aber das kann nicht verwundern, geht es hier doch um eine politisch gewollte Anschubförderung neuer Technologiepfade. Und die Erfolge lassen sich sehen: 2013 lag der Gesamtanteil regenerativer Energien an der Stromerzeugung in Deutschland bei etwa 24 %, davon weit mehr als die Hälfte Wind- und Solarenergie. Die viel diskutierte EEG-Stromumlage belief sich auf 5,3 ct/kWh und damit auf 22 % des Strompreises für private Haushalte. Allerdings ist bemerkenswert, dass Solarstrom pro erzeugter Einheit fünfmal höher gefördert wurde als an Land erzeugter Windstrom.

...und Nutzen
Zugleich wurden im Wind- und Solarsektor 206.000 (2012) größtenteils hoch qualifizierte Arbeitsplätze geschaffen, über 56 Mio. Tonnen an CO2-Emissionen vermieden sowie vor allem im Windtechnologiesektor global wettbewerbsfähige Player aufgebaut (Siemens und Enercon allein mit einem Turbinenmarktanteil von 18 %). Dazu kommt die im Vergleich mit fossilen Energieträgern günstige Umweltbilanz: Kosten durch Treibhausgase und Verschmutzung liegen bei Wind und Solar zwischen 0,3-1,2 ct/kWh, gegenüber 9-11 ct/kWh bei Stein- und Braunkohle.

Verzerrte Debatte
Es scheint, dass gegenwärtig zwei Phänomene die Debatte beherrschen und starken Gegenwind erzeugen. Dies ist zum einen die virulente Krise in der deutschen Solarindustrie. Der durch garantierte Einspeisetarife politisch geschaffene Markt wird zunehmend von
ausländischen, vorwiegend chinesischen Produzenten bedient. Eine Insolvenzwelle überrollt deutsche Anbieter; Arbeitsplätze gehen verloren; als sicher angenommene Technologievorsprünge lösen sich auf. Zwar ist die Debatte über die Hauptgründe noch in vollem Gange; ein Mangel an Innovationskraft und eine simple Fortschreibung mittlerweile reifer Produktionsprozesse spielen aber sicher eine Rolle. Dabei wird der gute Stand der Windindustrie oft ganz übersehen.

Zum anderen besteht die Gefahr, dass die Bewertung der Energiewende verkürzt wird auf eine (zudem verzerrte!) Analyse der Strompreise. Die EEG-Umlage wird auch deshalb zur Zielscheibe, weil sie ein so transparentes Element der Stromrechnung ist. Weniger präsent sind die gewaltigen Subventionssummen, die bis heute in fossile Energieträger fließen.

Globale Vorreiterrolle stößt an Grenzen
Die deutsche Vorreiterrolle in der Transformation einer Industriegesellschaft zu klimaverträglichem Wachstum steht im Fokus globaler Aufmerksamkeit. Je nach Position im Interessenspektrum der Klimapolitik wird der Energiewende baldiges Gelingen oder klägliches Scheitern gewünscht. Der Einsatz ist hoch. Auch werden die Grenzen eines nationalen Alleingangs immer deutlicher. Die Verzahnung mit dem europäischen CO2-Emissionshandel ist offensichtlich und erfordert eine stärkere Kohärenz von Zielen und Maßnahmen, die dem hohen Grad an Politikinterdependenz gerecht wird. Der Ausbau erneuerbarer Energien in einem Szenario verfallender Preise für CO2-Zertifikate gleicht mehr einem bizarren Kampf gegen Windmühlen als einer systemischen Industriepolitik.

Auf den Prüfstand, nicht an den Pranger
Ohne Zweifel befindet sich das nationale Projekt der Energiewende am Scheideweg. Zentrale Herausforderungen sind ungelöst: der säumige Netzausbau, um Strom von der Nordsee in die Konsum- und Industriezentren im Westen und Süden Deutschlands zu transportieren; die Notwendigkeit, effiziente Speichertechnologien in großem Maßstab zu entwickeln; die unbestreitbare Überförderung der Solarenergie, die den rasanten Preisverfall für PV-Module nicht antizipiert hat. Dass gegenwärtig die Solarstromkapazität pro Kopf in Deutschland dreimal höher ist als im EU-Durchschnitt, gibt Anlass zum Nachdenken.
Dennoch: Eine auf Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Transformation angelegte Industrie- und Energiepolitik muss mit kalkulierten Risiken leben, auch mit Rückschlägen. Sie darf freilich nicht ihr Fernziel aus den Augen verlieren. Die Kosten der Energiewende sind unmittelbar bilanzierbar, der langfristige Nutzen einer Avantgardeposition im Aufbau eines zukunftsfähigen Energiesystems ist es nicht.

Über die Autoren

Pegels, Anna

Ökonomin

Pegels

Weitere Expertinnen/Experten zu diesem Thema

Fuhrmann, Hanna

Ökonomin 

Hernandez, Ariel

Politikwissenschaftler 

Kuhn, Sascha

Sozialpsychologe 

Never, Babette

Politikwissenschaftlerin