Fußabdrücke: richtige Schritte hin zu globaler Nachhaltigkeit

Fußabdrücke: richtige Schritte hin zu globaler Nachhaltigkeit

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Figueroa, Aurelia
Die aktuelle Kolumne (2012)

Bonn: German Development Institute / Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE) (Die aktuelle Kolumne vom 13.08.2012)

Bonn, 13.08.2012. Der CO2-Fußabdruck, ein Maß für Treibhausgasemissionen, entwickelt sich immer mehr zu einem der großen Modewörter des 21. Jahrhunderts. Um die Voraussetzungen für eine Reduzierung des CO2-Fußabdrucks und – allgemeiner – für die Bewältigung globaler Herausforderungen zu schaffen, muss allerdings noch ein anderer Fußabdruck betrachtet werden, der Einfluss auf die gesellschaftliche Akzeptanz von Maßnahmen und damit ihre Umsetzung hat: der psychologische Fußabdruck.

Typischerweise im Kontext von durch Katastrophen ausgelöstem Stress ein Thema, ist der psychologische Fußabdruck eine Art emotionaler Nachhall, der nicht greifbar und doch bedeutsam ist – vor allem für den, der ihn wahrnimmt. Für globale Herausforderungen spielt er eine besonders wichtige Rolle, da viele angedachte oder bereits vorhandene Technologien, Innovationen und Politiken psychologisch nach wie vor auf mangelnde Akzeptanz stoßen.

Akzeptanzprobleme können von absurd bis ernst zu nehmend reichen. Beispielsweise würden viele sagen, das Genörgel eines Teenagers, ein Fahrzeug mit niedrigem Kraftstoffverbrauch und geringen Kohlenstoffemissionen sei „uncool“, wäre absurd. Ein ernst zu nehmendes Beispiel ist dagegen die Schwierigkeit, die Immunabwehr aufrechtzuerhalten – eine Folge der mangelnden Impfbereitschaft vieler Menschen, die durch frühere Impfskandale verunsichert sind.

Egal ob der psychologische Fußabdruck auf ernsten oder weniger ernsten Bedenken beruht, kann er eine Barriere darstellen, die die Umsetzung von Lösungen behindert. Die breite Akzeptanz von politischen und technologischen Lösungen kann als eine der großen Herausforderungen unserer Zeit gelten. Erfindungen, Innovationen oder neue Gesetze werden nicht automatisch angewendet, nur weil es sie gibt. Daher ist es nützlich, bei der Reduzierung psychologischer Fußabdrücke aus schon vorhandenen Beispielen zu lernen.

Technologische und soziale Lösungen: dem psychologischen Fußabdruck begegnen
Gegen Kläranlagen, für die öffentliche Abwasseraufbereitung unverzichtbare Einrichtungen, wird immer wieder protestiert. Auslöser ist ihr typischer psychologischer Fußabdruck: Viele empfinden die Anlagen als Geruchsbelästigung und Beleidigung für das Auge. Das wollte eine Firma in Ungarn ändern. Durch die Entwicklung einer an ökologischen Prinzipien orientierten, innovativen Technik, mit der bei der Abwasseraufbereitung statt übler Gerüche reizvolle Grünflächen entstehen, hat sie den psychologischen Fußabdruck reduziert und einen Paradigmenwechsel in der Behandlung von Abwässern eingeleitet. Dadurch, dass das Unternehmen den kleinen psychologischen Fußabdruck als Wettbewerbsvorteil nutzte, gelang es ihm, seine Technik in mehreren Ländern zu etablieren.

Allerdings gibt es nicht für alle psychologischen Fußabdrücke technologische Lösungen, weshalb sozial ausgerichtete Lösungen an Bedeutung gewinnen. Ein Beispiel ist die dänische Insel Samsø, der es gelungen ist, CO2-neutral zu werden. Für diesen Weg verschafften sich die Entscheidungsträger der Insel Rückendeckung, indem sie ein unkonventionelles Bündnis eingingen: Die Anwohner wurden in alle erforderlichen Maßnahmen einbezogen, wodurch unter anderem der psychologische Widerstand gegen den Bau von Windparks in der malerischen Landschaft überwunden werden konnte. Am Beispiel lokaler Eigen- und Mitverantwortung, auch für konkrete ökonomische Vorteile, zeigt sich die Bedeutung der sozialen Beziehungen für die Umgestaltung von Samsø, und sie scheint eine herausragende Rolle zu spielen, wenn es darum geht, die Legitimität des Wandels und seine Akzeptanz sicherzustellen.

Eine Daseinsberechtigung von Protest nach dem St.-Florians-Prinzip leitet sich aus dem Marktversagen öffentlicher Güter ab: Wer will schon die Verantwortung für eine Kläranlage oder ein Windrad auf dem eigenen Grund und Boden übernehmen, wenn die Vorteile der Allgemeinheit zugutekommen? Wenn sich der psychologische Fußabdruck nicht mit technologischen Innovationen beseitigen lässt und das Missverhältnis von Nutzen und Belastung bestehen bleibt, kann die breite Akzeptanz mit anderen Mitteln hergestellt werden, wie das Beispiel der Insel Samsø zeigt. Tatsächlich sollte die soziale Komponente des psychologischen Fußabdrucks auch dann berücksichtigt werden, wenn psychologische Vorbehalte durch technische Lösungen ausgeräumt werden können.

Die zwei Seiten eines Fußabdrucks
Der psychologische Fußabdruck lässt sich auch zur Bewältigung globaler Aufgaben nutzen. Es ist empirisch belegt, dass der informierte Verbraucher bereit ist, zusätzliche Anstrengungen zu unternehmen (z. B. Mülltrennung) oder mehr für ethisch einwandfreie Waren (z. B. Fair-Trade-Produkte) zu bezahlen, um den damit verbundenen instrumentellen Nutzen zu erzielen. Daran zeigt sich die andere Seite des psychologischen Fußabdrucks, auf der er zur Bewältigung globaler Herausforderungen beiträgt, wie das Beispiel des bewussten Verbrauchers offenbart. Kurzum, der psychologische Fußabdruck kann globale Herausforderungen verringern oder er kann sie verstärken. Im ersten Fall fördert er die Entstehung bewusster Konsumgewohnheiten. Im zweiten Fall hemmt er die Umsetzung von Maßnahmen.

Ein typisches Beispiel
Überall in der Energiewende Deutschlands und im weltweiten Energiewandel lauert der psychologische Fußabdruck. Viele der für einen Wandel unverzichtbaren technologischen Lösungen fallen denen zum Opfer, die nach dem St.-Florians-Prinzip Widerstand leisten, darunter der Ausbau des Stromnetzes, Windparks oder die CO2-Abscheidung und -Speicherung. Samsø und andere Beispiele lassen sich nicht einfach übertragen, aber sie liefern wertvolle Erkenntnisse über erfolgreiche Umsetzung im Rahmen sozialer Integration. Zudem hat sich gezeigt, dass sich der psychologische Fußabdruck auch einsetzen lässt, um Konsummuster und übergeordnete soziale Verhaltensweisen zu beeinflussen und damit globale Herausforderungen zu bewältigen.

Womit sich ein psychologischer Fußabdruck löschen oder Verhaltensweisen beeinflussen lassen, ist von Fall zu Fall verschieden. Wie oben erläutert, stehen hierfür Technologie, Innovation, lokale Eigenverantwortung und Mitverantwortung zur Verfügung. Diese Elemente sorgen für eine ausgewogene Verteilung von Nutzen und Lasten, die eine Umsetzung erleichtert, weil sie Akzeptanz fördert. Modewörter kommen und gehen – die Konzepte, die sich in ihnen spiegeln, haben Bestand. Ob sich der psychologische Fußabdruck zum Modewort des 21. Jahrhunderts entwickelt, wird sich zeigen. Seine Auswirkungen bleiben relevant. Er muss gleichzeitig abgebaut und dazu genutzt werden, globale Herausforderungen zu bewältigen und die Transformation zu nachhaltigeren Entwicklungsmustern zu befördern.

Über die Autorin

Figueroa, Aurelia

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Figueroa

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