Perspektivenwechsel bitte!

Partnerschaft in der globalen Wissenskooperation ist keine Einbahnstraße

Partnerschaft in der globalen Wissenskooperation ist keine Einbahnstraße

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Grimm, Sven / Regine Mehl
Die aktuelle Kolumne (2020)

Bonn: German Development Institute / Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE), Die aktuelle Kolumne vom 03.02.2020

Bildung, Ausbildung und lebenslanges Lernen sind Schlüssel zur Entwicklung aller Länder und der persönlichen Entfaltung aller Menschen – so steht es im Nachhaltigkeitsziel 4 der Agenda 2030. Dieses Ziel ist eng verbunden mit einer globalen Partnerschaft, die im Nachhaltigkeitsziel 17 festgeschrieben ist. Denn die Fähigkeiten zur Partnerschaft sind sowohl im globalen Süden – auch im Bereich Bildung und Forschung – wie auch im globalen Norden gefordert.

Das globale Wissen ist sprunghaft gestiegen und durch das Internet zugänglicher geworden. Zugleich bleiben Paywalls oder unzureichende Infrastruktur vielerorts hohe Hürden. Zum Wissenszuwachs tragen auch vermehrt Wissenschaftler*innen aus Schwellenländern bei, deren Anteil an wissenschaftlichen Publikationen in den letzten Jahren stark gestiegen ist. Für China etwa stieg der Anteil an den weltweiten akademischen Veröffentlichung von deutlich unter drei Prozent (1996) auf mehr als 17 Prozent (2016). Auch Mexiko und Südafrika haben ihren Anteil an wissenschaftlichen Publikationen in diesem Zeitraum fast verdoppelt. Zudem sind bedeutende neue Wissenszentren (Universitäten, Forschungseinrichtungen und Startups) in anderen Ländern entstanden, wie etwa die „Silicon Savannah“ bei Nairobi.

Für nutzbares Wissen benötigen wir einerseits gutes geistiges Handwerkszeug, und zugleich die Offenheit, verschiedene Perspektiven kennen und verstehen zu wollen. Nur dann, in Kooperation, werden wir gemeinsam einen Wandel zu nachhaltigen Gesellschaften hinbekommen.

Voraussetzungen für beiderseitige Wissensgewinne

Eine erfolgreiche Wissensvermittlung und die partnerschaftliche Wissenskooperation auf Augenhöhe braucht drei Voraussetzungen: Symmetrie, Inklusion und Transfer.

Symmetrie besteht, wenn alle Seiten ihre (wissenschafts)kulturellen Prägungen anerkennen, ebenso wie die Lücken, die damit einhergehen. Niemand kann Universalwissen reklamieren; der Wert von Wissen für das globale Gemeinwohl hängt immer von der Anwendung in verschiedenen Kontexten ab. Lokale Partner sind dabei auf dieser Ebene immer die besseren Expert*innen; Außenperspektiven können unterstützen. Dies gilt auch für Wissen zu Transformation in Deutschland: So sind einige afrikanische Länder in Bereichen wie bargeldloser Bezahlung oder eBanking deutlich weiter als Mitteleuropa.

Gemeinsame Wissensproduktion beginnt mit dem Abweichen von eingetretenen (Denk-)Pfaden. Spezialisiertes Wissen für neue Herausforderungen aus Entwicklungs- und Schwellenländern kann auch global helfen. Daher ist der Aspekt der Inklusion unabdingbar. Denn die Grundhaltung ist häufig „Was können wir schon von afrikanischen Ländern lernen?“. Doch mit Blick auf einzelne Aspekte der Gesundheitsvorsorge (Impfdichte) ist etwa Tansania fortschrittlicher als Deutschland.

Transfer ist der dritte, vielleicht spannendste, Aspekt der partnerschaftlichen Wissenskooperation: Der Transfer von Forschungsresultaten hat in den letzten Jahren einen deutlichen Bedeutungszuwachs erlebt. Wer den alljährlichen Global-Go-to-ThinkTank-Index der University of Pennsylvania verfolgt, dem fällt auf, dass die Think Tanks im globalen Süden zahlreicher geworden sind. Zugleich sind einige in dem Ranking auf hohen Plätzen vertreten. Unter den Aufsteigern ist auch eine ganze Reihe von Partnerinstitutionen des DIE, etwa aus dem Managing Global-Governance-Netzwerk, in dem das DIE-Training und gemeinsame Forschung und Beratung mit Partnerinstitutionen aus Schwellenländern betreibt

Individuelle Fähigkeiten

Wir müssen veränderte Realitäten anerkennen, um global erfolgreich zu sein, auch in den Ausbildungsaktivitäten des DIE, sowohl in MGG wie auch im Postgraduierten-Programm des DIE. In der internationalen Zusammenarbeit sind fachliche Expertise gefragt, ebenso wie vermeintlich weiche Faktoren. Beides wird von Partnern eingefordert: Brillante Fachlichkeit – symmetrisch, inklusiv und transferorientiert – und eine offene und verlässliche Persönlichkeit. Beide Ebenen erfordern Schulung und Training von Führungskräften – aus Deutschland, Europa und aus Partnerländern.

Wir müssen unsere Sichtweisen den Anforderungen des 21. Jahrhunderts anpassen, nicht den Erinnerungen an unsere technologische und politische Dominanz der Welt von gestern. Dies gibt uns neue Möglichkeiten von Partnerschaften – und erfordert, dass wir unsere Fähigkeiten auf neue und künftige Bedürfnisse ausrichten.


Das Postgraduierten-Programm am DIE legt einen Schwerpunkt der neunmonatigen Ausbildung auf Vor-Ort-Arbeitserfahrungen. Insgesamt sieben Monate wird in Forschungsteams in Partnerländern gemeinsam praktisch zu lokalen wie globalen Fragen geforscht und Empfehlungen für Entscheider*innen erarbeitet – in Teams und mit Partnern des globalen Südens. Die Forschungsteams werden jedes Jahr neu und an lokale Bedingungen angepasst entwickelt.

Im Programm Managing Global Governance arbeitet das DIE gemeinsam mit jungen Führungskräften von Partnerorganisationen aus großen Schwellenländern zu globalen Fragen. Teilnehmer*innen des knapp viermonatigen Programms kommen aus Brasilien, China, Indien, Indonesien, Mexiko und Südafrika sowie aus Deutschland bzw. Europa. Sie treten in einen angeleiteten fachlichen Austausch zu globalen Fragen und lernen voneinander über Leitungs- und Kooperationskultur ihrer Länder.

Über die Autor*innen

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