Rio plus 20 wird bald vergessen sein: das Paradigma der Nachhaltigkeit nicht

Rio plus 20 wird bald vergessen sein: das Paradigma der Nachhaltigkeit nicht

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Messner, Dirk
Die aktuelle Kolumne (2012)

Bonn: German Development Institute / Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE) (Die aktuelle Kolumne vom 02.07.2012)

 

Bonn, 02.07.2012. Die Rio-Konferenz war eine Enttäuschung. In Geschichtsbüchern wird die „Erdkonferenz“ von 1992 als Meilenstein eingehen, als ein Moment, in der sich die Weltpolitik erstmals umfassend um die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit kümmerte. Die Ergebnisse von „Rio plus 20“ werden es nur in die Fußnoten der „Geschichte der Nachhaltigkeit“ schaffen. Doch die Transformation zur Nachhaltigkeit ist kein Ereignis, keine Schlacht, die in Rio 2012 verloren wurde, sie ist ein Prozess. Vergleicht man sie mit der Geschichte der Aufklärung, ist sie – „Trotz alledem“ (so der bekannte Titel eines Revolutionsliedes von 1848 von Ferdinand Freiligrath) - eine überraschende Erfolgsstory, allerdings ohne Garantie für ein Happy End.

Die Idee einer nachhaltigen Gesellschaft, einer Weltwirtschaft in den Grenzen des Erdsystems, einer Kreislaufökonomie, deren Entwicklung sich vom Ressourcenverbrauch entkoppelt, ist ein Konzept, das die Menschheit verändert. Es bricht mit der Logik des auf grenzenloser Ausdehnung ausgerichteten Industrialismus, die 250 Jahre das Fortschrittsdenken prägte und in vielen Ländern enorme Wohlfahrtsgewinne ermöglichte. Das Konzept der Nachhaltigkeit wird noch einmal radikalisiert durch die Beobachtung von Naturwissenschaftlern wie dem Nobelpreisträger Paul Crutzen, dass wir uns in einem neuen Erdzeitalter befinden, dem Anthropozän. Der Anthropozän-Diskurs stellt die dritte Phase der Nachhaltigkeitsdiskussion dar, nach der Debatte der „Grenzen des Wachstums“ und der Endlichkeit der Ressourcen in den 1970er Jahren, und dem Brundtland-Bericht von 1987, der das Zusammenspiel von ökologischer, sozialer und ökonomischer Nachhaltigkeit betonte. In der Anthropozän-Diskussion geht es um das Verhältnis von Weltgesellschaft und Erdsystem. Die Anthropozän-Theoretiker argumentieren, dass die Menschheit nun die stärkste geologische Kraft innerhalb des Erdsystems darstellt. Sie ist dazu in der Lage, das Erdsystem im Verlauf der kommenden Dekaden auf einen neuen Entwicklungspfad zu bringen, mit unabsehbaren Folgen für die natürlichen Lebensgrundlagen für bald 9 Milliarden Menschen.

Als die industrielle Revolution vor gut 200 Jahren begann, beeinflussten 1 Milliarde Menschen das Erdsystem nur marginal und in begrenzten lokalen Räumen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts sind die Menschen demgegenüber nicht mehr nur Bewohner, sondern die wesentlichen Gestalter, Treiber und – ob sie es wollen oder nicht - Architekten des Erdsystems. Mit dem etablierten Wachstumsmuster in der Weltwirtschaft betreibt die Menschheit de facto ein Erdsystem-Engineering-Programm. Die britische Akademie der Wissenschaften hat diesem Befund im vergangenen Jahr eine Sondernummer ihrer Zeitschrift „Philosophical Transactions“ gewidmet und darauf hingewiesen, dass die Menschheitsfragen, die das Anthropozän aufwirft, vermutlich in den kommenden Jahrzehnten die größten Herausforderungen für die Wissenschaft und für alle Gesellschaften darstellen.

Ist die Anthropozän-Diagnose richtig, muss die Menschheit dringend lernen, umfassende Verantwortung für die Stabilität des Erdsystems, die globalen Umweltgemeinschaftsgüter und für zukünftige Generationen zu übernehmen. „Entwicklung“ kann nur noch in den enger werdenden planetarischen Grenzen stattfinden. Dafür müssen in jedem Fall neue lokale, nationale und globale Ordnungspolitiken, Produktionsmuster, Konsum- und Lebensstile, aber auch eine Philosophie und Praxis der Weltverantwortung „erfunden“ werden.

Die „Entdeckung“ des Konzeptes der Nachhaltigkeit ist vergleichbar mit dem Aufkommen der Idee der Aufklärung seit dem 17. Jahrhundert. Beide Konzepte verlangen letztendlich nach einer umfassenden Neuordnung der Gesellschaften, in denen sie entstanden sind. John Locke veröffentlichte 1689 eines seiner Hauptwerke „Two Treaties of Government“, in dem er die natürlich gegebenen Rechte der Menschen betonte und eine Vertragstheorie entwickelte, die Regierungen auferlegte, eine legitime Herrschaft auszuüben, indem sie menschlichen Zwecken dienen und den Menschen gegenüber verantwortlich sind. David Hume entwickelte in den 40er Jahren des 18. Jahrhunderts eine Moralphilosophie und eine Vorstellung von Menschen als eigenverantwortlichen und kritikfähigen Wesen. Er stellt die menschliche Vernunft in das Zentrum seiner Gesellschaftsphilosophie. Immanuel Kant knüpft an diese Vorarbeiten an und veröffentlicht 1788 seine „Kritik der praktischen Vernunft“ und 1795 seine Schrift „Zum ewigen Frieden“. Die Aufklärung beschreibt er im Kern als eine „Umänderung der Denkart“ der Menschen, eine neue Menschheitsepoche, in der sich die normativen Grundlagen menschlichen Zusammenlebens revolutionierten. Der Standpunkt, von dem aus die Menschen sich selbst und ihre Gesellschaften beurteilten, hatte sich fundamental verändert. Die Transformation zur Nachhaltigkeit setzt ähnliche Standpunktveränderungen voraus.

Der Vergleich zwischen der Entstehung der Idee der Aufklärung und des Konzeptes der Nachhaltigkeit ist noch aus anderen Gründen lehrreich. Die Prinzipien der Aufklärung und der Menschenrechte wurden über viele Jahrzehnte zunächst nur in einigen wenigen Ländern aufgegriffen. 1689 erschien die englische „Bill of Rights“, 1776 die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, 1789 die „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ in der französischen Nationalversammlung. Erst 1918, nach dem ersten Weltkrieg, werden die Kernideen der Aufklärung in der Verfassung der Weimarer Republik aufgenommen. 1948, 150 Jahre nach Kants „Kritik der praktischen Vernunft“ und über 250 Jahre nach John Lockes „Two Treaties of Government“, wird die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ durch die UN-Generalversammlung verabschiedet. Die Ideen der Aufklärung verbreiteten sich also nicht gerade wie ein Brandbeschleuniger. Der Fortschritt war eine Schnecke.

Die Geschichte der Aufklärung zeigt noch etwas anderes. Viele Aufklärer waren phantastische Zukunftsdenker und Visionäre, aber dennoch auch Kinder ihrer Zeit. Die Sklaverei ist ein Beispiel für diese Widersprüchlichkeit. Zu dem „Menschengeschlecht“, um dessen unveräußerliche Rechte es in der Aufklärung ging, gehörten für viele Denker der Aufklärung die Sklaven nicht dazu. Die Amerikanische Verfassung von 1787 beginnt mit dem berühmten Satz „We the people“, doch die Sklaverei blieb für weitere acht Dekaden Teil der gesellschaftlichen Realität in den Vereinigten Staaten und führte letztlich in den amerikanischen Sezessionskrieg von 1861 bis 1865. Von einer gut durchdachten Philosophie und Idee, zur gesellschaftlichen Wirklichkeit ist es also ein langer, steiniger Weg, der viele Rückschritte durchläuft. Die Weltgeschichte kennt keinen linearen Fortschritt.

Aus dieser Perspektive ist die Karriere des Nachhaltigkeitsparadigmas geradezu atemberaubend. Seit der von Donella und Dennis Meadows erarbeiteten und vom Club of Rome 1972 veröffentlichten Studie „Die Grenzen des Wachstums“ sind nur vier Dekaden vergangen. Allein vor der Rio-Konferenz haben alle relevanten internationalen Organisationen, von der Weltbank über die OECD bis zu den regionalen Entwicklungsbanken, grüne Entwicklungskonzepte und Wohlfahrtsmodelle vorgelegt, die über simple Wachstumsorthodoxien weit hinausgehen. Die G20 hat wenige Tage vor Rio das Konzept des “inklusiven grünen Wachstums” zum Leitbild erklärt (siehe Die aktuelle Kolumne vom 25.06.2012). Ernstzunehmende Akteure, die behaupteten, ein schlichtes „weiter so“ wäre denkbar, kann man mit der Lupe suchen. Auch die technologischen Grundlagen der grünen Transformationen haben große Fortschritte gemacht. Viele Regierungen, Unternehmen, Städte und die Wissenschaft experimentieren mit Nachhaltigkeitsstrategien. Die Grundelemente eines Umbruchs zu erdverträglichem Wirtschaften haben sich herausgebildet. Die Verbreitung des Konzeptes vollzieht sich im Vergleich mit der Geschichte der Aufklärung um den Faktor 4 bis 6 schneller.

Ob dies ausreicht, um den Grenzen und Kipp-Punkten des Erdsystems rechtzeitig auszuweichen, bleibt offen. Die Rio-Konferenz hat gezeigt, dass multilaterale Kooperation, die so wichtig zur Beschleunigung des Wandels wäre, derzeit blockiert ist. Zudem bleibt abzuwarten ob Kants „Umänderung der Denkart“ der Menschen ein weiteres Mal gelingt: In Richtung eines Verständnisses von der Fragilität des Erdsystems, der Verantwortung der Menschheit für die Zukunft des Planeten sowie der Bedeutung fairer und kreativer Lösungen auf lokaler und globaler Ebene für Wohlstandsentwicklung im Anthropozän.

Über den Autor

Messner, Dirk

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Messner

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