Globale NDC-Konferenz in Berlin

Vom Wissen zum Handeln

Vom Wissen zum Handeln

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Bauer, Steffen / Robert Bradley
Die aktuelle Kolumne (2019)

Bonn: German Development Institute / Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE), (Die aktuelle Kolumne vom 11.06.2019)

 

Bonn, 11. Juni 2019. Die zunehmend spürbaren Folgen des Klimawandels erreichen endlich auch den politischen Mainstream. Nachdem sie die Hartnäckigkeit der „Fridays for Future“-Bewegung offenkundig unterschätzt haben, interpretieren die sogenannten „Parteien der Mitte“ die Ergebnisse der jüngsten Europawahlen nahezu einhellig als klimapolitischen Weckruf und gestehen ein, dass ihre bisherigen Anstrengungen unzureichend sind. Zugleich erreicht die internationale Klimapolitik eine entscheidende Phase. 2015 brachte das Pariser Klimaabkommen fast alle Länder dazu, mittels „national festgelegter Beiträge“ (National Determined Contributions, NDCs) ein gewisses Maß an Klimaschutz zuzusagen. Die Summe dieser NDCs reicht jedoch längst nicht aus, um den globalen Temperaturanstieg im beabsichtigten Maß von 1,5 bis maximal 2 C zu begrenzen. Die Länder sind deshalb aufgefordert, ihre NDCs bis 2020 zu aktualisieren. Dies ist die Gelegenheit, ehrgeizig nachzubessern.

Die Begrenzung des Klimawandels ist eine gewaltige und komplexe Aufgabe. Oft ist es schwierig zu entscheiden, wo der Anfang gemacht werden soll. Die Prozesse der multilateralen Klimapolitik sind dabei wichtig, um gemeinsamen globalen Zielen und Regeln Legitimität zu verleihen. Sie sind aber weniger geeignet, Innovation und Lernen voranzubringen. Hierzu bedarf es weniger formeller Wege, um staatliche und institutionelle Partner zusammenzubringen. Ein wichtiges Beispiel dafür ist die NDC-Partnerschaft, eine Koalition aus mehr als 130 Ländern, internationalen Institutionen und NGO-Partnern, die gemeinsam daran arbeiten, die Umsetzung der NDCs zu beschleunigen.

In diesem Sinne findet vom 12. bis 14. Juni in Berlin die zweite globale NDC-Konferenz unter dem Motto „Inspiring action, enabling change“ statt. Als Beitrag zur Arbeit der NDC-Partnerschaft ist sie mit dem Ziel konzipiert, das gemeinsame Lernen zwischen Ländern zu erleichtern und derartige Aktivitäten vor Ort voranzutreiben. Vor dem Hintergrund der bevorstehenden NDC-Aktualisierungen kommt sie gerade rechtzeitig. Wenig unterstützt zwischenstaatliches Lernen so effektiv wie das Zusammenbringen von Entscheidungsträgern und Praktikern.

Die Zusammenkunft von rund 350 Vertreterinnen und Vertretern aus Regierungen, Privatwirtschaft, Zivilgesellschaft, großen Finanzinstitutionen sowie bi- und multilateralen Entwicklungsorganisationen aus der ganzen Welt zielt darauf ab, Staaten in die Lage zu versetzen, die Umsetzung ihrer NDCs zu beschleunigen und Möglichkeiten für ehrgeizigere Ziele zu identifizieren. Zu diesem Zweck werden rund 40 Workshops zu drei übergreifenden Themenbereichen organisiert, die für die Umsetzung der Klimaschutzmaßnahmen entscheidend sind: Governance, Finanzen und Transparenz. Diese kleineren Formate ermöglichen den Teilnehmenden einen offeneren und interaktiveren Austausch als er im stark formalisierten Rahmen multilateraler Verhandlungen möglich ist.

Die jeweils richtigen Ressourcen zu finden bleibt dabei ein wesentlicher Faktor für erfolgreichen Klimaschutz. Das Wissensportal der NDC-Partnerschaft – mit dem Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) als einem von vielen Partnern – adressiert dieses Bedürfnis. Es erlaubt den Nutzern, in mehreren hundert unterschiedlichen Datenquellen, Fallstudien, technischen Instrumenten und Finanzierungsmöglichkeiten nach den für ihren jeweiligen Bedarf am besten geeigneten Ressourcen zu suchen. Die NDC-Partnerschaft hat einen intensiven Austausch mit ihren Partnern betrieben, um besser zu verstehen, welche Ressourcen von wem und mit welchen Wirkungen genutzt werden. Die Ergebnisse dessen wurden in einem kürzlich veröffentlichten Insight Brief zusammengefasst und helfen Experten- und Geberorganisationen ihre Angebote zu priorisieren.

So ist es beispielsweise entscheidend, einschlägige Berichte, technische Konzepte und Datenplattformen in lokale Sprachen und vor allem in ein geeignetes Vokabular für die Akteure vor Ort zu übersetzen. Eine stärkere Konzentration auf die gemeinsame Produktion von Wissensressourcen mit den künftigen Nutzerinnen und Nutzern würde deren Wirksamkeit erheblich erhöhen. Wenn mit zuverlässigen Institutionen im Land zusammengearbeitet wird, die über technisches Fachwissen verfügen und lernfähig sind, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese Ressourcen tatsächlich genutzt werden. Zudem schafft es langfristige Kapazitäten. Schließlich muss mehr getan werden, um zu verstehen, wie Wissensressourcen in der Praxis genutzt werden. Dies findet häufig erstaunlich wenig Beachtung.

Die NDC-Konferenz gibt insofern Anlass zu Optimismus, als sich eine so vielfältige Gruppe von Multiplikatoren über den aktuellen Wissensstand im Bereich des Klimaschutzes austauscht und Wissen teilt. Die gewonnenen Erkenntnisse werden zudem über die Berliner Workshops hinaus strahlen, so auch auf der Bonner UN-Klimakonferenz, die sich vom 17. bis 27. Juni unmittelbar anschließt. Doch der eigentliche Test wird danach kommen. Wenn die politischen Entscheidungsträger den Erwartungen der jungen Menschen gerecht werden wollen, die auf unseren Straßen demonstrieren, müssen sie mehr tun als lernen. Sie müssen das Gelernte in ehrgeizige, zielgerichtete Maßnahmen überführen. Und sie müssen es jetzt tun. Wie Friedensnobelpreisträger Dominique Pire sagte: „Ohne Wissen zu handeln, ist eine Torheit. Mit Wissen nicht zu handeln, ist Feigheit.“


Steffen Bauer ist Leiter des Klimalog-Projekts am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE).

Robert Bradley ist Director Knowledge and Learning der NDC Partnership Support Unit.

Über den Autor

Bauer, Steffen

Politikwissenschaftler

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