Wie Kleinbauern ihre Ernährung selbst sichern können

Wie Kleinbauern ihre Ernährung selbst sichern können

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Neubert, Susanne
Die aktuelle Kolumne (2012)

Bonn, Berlin, 15.10.2012. Auch am diesjährigen Welternährungstag liegt die Zahl der Hungernden immer noch bei rund einer Milliarde Menschen. Offensichtlich schafft es die Weltgemeinschaft nicht, den globalen Hunger zu lindern, trotz aller Beteuerungen. Wie kann das sein? Erfolgreiche Hungerbekämpfung bedarf neben der Setzung entwicklungsfördernder Rahmenbedingungen einer Berücksichtigung der Handlungslogik der Hungernden selbst. Nur wenn sich die Determinanten für diese Logik ändern und Handlungsalternativen für die Betroffenen entstehen, können sie ihren Hunger überwinden.

Wer sind die Hungernden und warum hungern sie? Über 50 % und damit die größte Gruppe der weltweit Hungernden sind Kleinbauern in Afrika und Asien. Am stärksten betroffen sind also Menschen, die gleichzeitig Produzenten von Nahrung sind. Und dies, obwohl die globalen Nahrungsmittelpreise schon seit einigen Jahren auf einem recht hohen Niveau liegen. Dieser Preisanreiz bewirkt also bisher keine relevante Mehrproduktion bei den Kleinbauern. Warum nutzen sie nicht den eigenen Boden, um ihre Ernährung zu sichern?

Die zwei wichtigsten Gründe sind: Erstens, die Landwirtschaft, so wie sie derzeit praktiziert wird, ist in vielen Entwicklungsländern trotz hoher Weltagrarpreise für die meisten Kleinbauern kaum lohnender geworden. Zweitens, die Kleinbauern unterliegen Handlungszwängen, die als Hungerfalle wirken.
Tatsächlich kommen bei Kleinbauern im Hinterland die globalen Preisanstiege bis heute aufgrund interner Preisverzerrungen, kontraproduktiver Exportbeschränkungen und zu geringer Preisinformationen inklusive schlechter Infrastruktur nur teilweise an. Dagegen schlagen die Düngemittelpreise, die sich in den letzten Jahren für Düngemittelimportländer, also die meisten von Hunger bedrohten Länder mehr als verdoppelt haben, vollständig durch. Da es die Gewinnspanne ist, die für den Bauern entscheidend ist und nicht der Produktpreis allein, ist bis heute ein verstärkter Produktionsanreiz für viele Bauern daher noch gar nicht entstanden.

Betrachtet man die Ökonomie des Hungers genauer, so sieht man, dass kleinbäuerliche Familien nicht ganzjährig, sondern periodisch in der Zwischenerntezeit hungern, d. h. nachdem die Vorräte der letzten Ernte aufgebraucht sind, die neue aber noch nicht eingefahren ist. Traditionell überbrücken Familien diese Zeit, indem sie wild wachsende Beeren, Blätter etc. auf brachliegendem Land sammeln. Im Zuge des Bevölkerungswachstums, aber auch wegen Landnahmen von Investoren ist brachliegendes Land aber inzwischen rar geworden.

Gleichzeitig hat sich in den letzten Jahrzehnten schleichend die Zwischenerntezeit verlängert. Besonders gut kann dies anhand der Maisbauern Afrikas gezeigt werden. Nationale Agrarpolitiken bewirkten einen stark einseitig auf Hybridmais ausgerichteten Landbau mit der Folge erhöhter Produktionsrisiken, einseitiger Ernährung und sinkender Bodenfruchtbarkeit. Böden mit geringer Fruchtbarkeit verunkrauten aber und benötigen daher verstärktes Hacken und mehr Düngemittel. Hybridsaatgut müssen Bauern jährlich neu kaufen, denn wenn sie es selbst vermehren, verliert es drastisch an Ertragsfähigkeit. Gerade die ärmsten Bauern, die die gesamte Fläche mit der Handhacke bewirtschaften, können aber weder die Mehrarbeit noch die Kosten für Saatgut tragen. Aus Not vermehren sie daher oft das Saatgut dennoch selbst. Kommen dann Klimaschwankungen oder Krankheitsfälle hinzu, verlassen sie die Felder häufig schon vor der Ernte und verdingen sich als Tagelöhner. So beträgt heute der Anteil solcher vor der Ernte verlassenen Felder im südlichen Afrika rund 30 %, und dies trotz Hunger!

Hinzu kommen die geringe Lagerfähigkeit der meisten Hybridmaissorten und der chronische Bargeldmangel. Bauern benötigen nach der Ernte dringend Bargeld, v. a. um Schulgeld und Schulden zu zahlen. So gehen sie heute zunehmend dazu über, den größten Teil ihres Getreides gleich nach der Ernte zu verkaufen, wenn die Preise sich im Minimum befinden. Bereits drei bis vier Monate vor der nächsten Ernte sind die eigenen Vorräte dann aber aufgebraucht. Jetzt, wenn Mais lokal knapp wird, müssen die Familien wieder zukaufen, dann jedoch zu Höchstpreisen. Obwohl die Bauern natürlich diese Zusammenhänge verstehen, sehen sie individuell keine Handlungsalternative.

Wie können sich Kleinbauern aus der Hungerspirale befreien? Hierfür gibt es viele Ansätze: So könnte eine gut organisierte Lagerhaltung mit geeigneten Sorten Preisschwankungen teilweise ausgleichen. Zudem könnte durch Diversifizierung der Anbaukulturen die Zwischenerntezeit verkürzt, Ernährungsqualität gesteigert, Arbeitsspitzen gekappt und antizyklisches Marktverhalten gepuffert werden. Auch könnten durch ökologische Intensivierung der Landwirtschaft sowie bodenkonservierende Managementsysteme (Conservation Agriculture) höhere Erträge bei geringeren Kosten erzielt werden. Statt importierte Düngemittel einzusetzen, könnte organisch gedüngt und der Leguminosenanbau verstärkt werden oder die Düngermenge könnte durch Conservation Agriculture erheblich reduziert werden. Es ist bekannt, dass mit Hilfe solcher Methoden, wenn man sie mit der gegenwärtigen Landbewirtschaftung vergleicht, in den Tropen um ein Vielfaches höhere Erträge erwirtschaftet werden können.

Warum greifen die Bauern diese Lösungsansätze nicht auf? Die Antwort ist, dass die Armut bei den Kleinbauern bereits so groß ist, dass sehr deutliche Anreize auf mehreren Ebenen vonnöten wären, damit sie diese Chancen ergreifen können. Signale wären: 1. Flexibilisierung der Subventionen, z. B. durch ein e-Voucher-System, bei dem definierte Geldbeträge über Mobiltelefon abgerufen werden. Bauern werden durch solche korruptionssicheren Systeme ermächtigt, Inputs für Kulturarten, auch Cash Crops nach eigener Wahl zu kaufen, 2. Zugang zu Mechanisierungskrediten mit tragbaren Zinsen, 3. Verfügbare Beratungsdienste zum Erlernen besserer Landbaumethoden, 4. Aufbau von Bauernorganisationen, so dass Skaleneffekte genutzt und Kredit-, Spar- sowie Vermarktungsprobleme bewältigt werden können.

Zur landesweiten Umsetzung der getesteten Verfahren ist v. a. der politische Wille der Nationalregierungen nötig. Externe Unterstützung wäre z. B. bei der Überbrückung von zeitlich begrenzten Umstellungskosten für die Landwirtschaft hilfreich, beim Aufbau sogenannter „Farmer Field Schools“ oder durch Übernahme von finanziellen Garantien zur Senkung der Zinsen und zur Abfederung von Rückzahlungsrisiken für Kreditinstitutionen.

Auf diese Weise könnten Kleinbauern auch über ihre eigene Ernährung hinaus höhere Beiträge zur Ernährungssicherheit ihres Landes leisten. Dank der hohen Weltagrarpreise kann dieses Vorhaben gelingen, die Preisanstiege müssten jedoch bei den Kleinbauern ankommen, aber ohne noch stärker zu schwanken. Wichtig wären dazu der Aufbau von Ausgleichsfonds, die Verbesserung der Infrastruktur und bessere Preisinformationen. Da die Nachfrage nach Nahrungsmitteln weltweit anwächst, sind Neuinvestitionen in die Agrarentwicklung nicht nur für einzelne Bauern, sondern auch für Entwicklungsländer insgesamt eine Chance.

Dr. Susanne Neubert ist Agrarökonomin und leitet das Seminar für Ländliche Entwicklung (SLE) der Landwirtschaftlich Gärtnerischen Fakultät der Humboldt Universität zu Berlin.

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