Finanzierung der Transformation zur Nachhaltigkeit: Eine Herkulesaufgabe für die EU?

Berensmann, Kathrin
Externe Publikationen (2022)

in: Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen 75 (1), 33-38

Information

Zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele und zur Bewältigung der COVID-19-Pandemie besteht ein hoher Finanzbedarf. Dafür hat die Europäische Kommission zum einen 2018 den „Aktionsplan zur Finanzierung von nachhaltigem Wachstum“ und zum anderen 2021 darauf aufbauend die „Strategie zur Finanzierung einer nachhaltigen Wirtschaft“ ins Leben gerufen.
Insgesamt hat die EU ein umfangreiches Paket für die Ausgestaltung eines nachhaltigen Finanzsystems geschnürt und eine weltweit bislang einmalige Strategie angestoßen. Insofern übernimmt die EU in vielen Sustainable Finance-Bereichen weltweit eine Vorreiterrolle und exportiert ihre Ansätze auch in anderen Regionen und Länder der Welt. Damit attrahiert die EU internationale Investoren mit einem Fokus auf Nachhaltigkeit für den europäischen Finanzmarkt. Besonders in der zweiten Phase werden die wichtigsten Akteure des europäischen Finanzsystems in die Umsetzung und Verwirklichung der Nachhaltigkeitsziele eingebunden. Es ist auch zu berücksichtigen, dass es unmöglich ist eine derartige Herkulesaufgabe - ein an die Nachhaltigkeit ausgerichtetes Finanzsystem in einem Guss - zu planen und umzusetzen. Vermutlich wird es viele Jahre eventuell sogar zwei bis drei Jahrzehnte dauern, bis eine derartige Transformation vollständig ist.
Vor dem Hintergrund, dass die EU ein nachhaltiges Finanzsystem nicht zu einem Zeitpunkt aufbauen konnte, ist es wichtig, die richtige Abfolge der Maßnahmen (Sequencing) zu wählen. Daher stellt sich die Frage, ob die Schwerpunkte des „Aktionsplan zur Finanzierung von nachhaltigem Wachstum“ von 2018 auf Taxonomien, Standards, Normen, Referenzwerte und Offenlegungspflichten geeignet waren, um ein nachhaltiges Finanzsystem in Europa zu starten. Besonders zwei Schwerpunkte der „Strategie zur Finanzierung einer nachhaltigen Wirtschaft“ von 2021, die Erhöhung der Widerstandsfähigkeit und des Beitrags des Finanzsektors sowie die Unterstützung einer internationalen Strategie für ein nachhaltiges Finanzsystem, wären bereits in der ersten Phase wichtig gewesen. In diesem Zusammenhang ist auch zu kritisieren, dass die nachhaltige Transformation des realen Sektors schon viel früher begonnen hat als die Einführung eines nachhaltigen Finanzsystems.
Zudem gibt es noch einige Lücken in der laufenden Strategie ein nachhaltiges europäisches Finanzsystem zu errichten. Bisher fokussiert die Nachhaltigkeitsstrategie bis auf wenige Ausnahmen auf die Klima- und Umweltziele. Es sollten aber nicht nur die Klima- und Umweltziele sondern alle ESG-Ziele in einer derartigen Strategie angegangen werden. Soziale Faktoren werden bisher nur wenig berücksichtigt. Die EU arbeitet zwar auch an einer Taxonomie für soziale Finanzierung , aber soziale Faktoren werden bei den meisten Maßnahmen der EU-Strategie noch nicht oder kaum berücksichtigt, auch wenn dieses in der Planung ist.
Die internationale Plattform für nachhaltige Finanzierung entwickelt zwar derzeit eine international „einheitlichen Basistaxonomie“, aber diese Plattform könnte auch für die Entwicklung anderer Basisinstrumente genutzt werden, wie zum Beispiel die Entwicklung von international einheitlichen Basisrechnungslegungsstandards in Zusammenarbeit mit dem International Accounting Standards Board. Auf der COP26 wurde im November 2021 angekündigt, dass die International Sustainability Standards Board (ISSB) weltweit gültige Offenlegungsstandards erarbeiten soll. Infolge der Verflechtung der internationalen Finanzmärkte sind internationale Mindeststandards in vielen Bereichen des nachhaltigen Finanzsystems nicht zuletzt für die Verhinderung von regulatorischer Arbitrage und die Stabilität der internationalen Finanzmärkte wichtig.
Die EU hat aber ein weltweit bisher einmalige Maßnahmen für den Aufbau eines nachhaltigen Finanzsystems eingeleitet und damit besonders einen wichtigen Beitrag zur Erreichung der der Klima- und Umweltziele gemacht.

Über die Autorin

Berensmann, Kathrin

Wirtschaftswissenschaften

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