Der Mythos von der Unvereinbarkeit von Wachstum und Gleichheit

Der Mythos von der Unvereinbarkeit von Wachstum und Gleichheit

Download PDF 1.35 MB

Negre, Mario / José Cuesta / Ana Revenga / Prescott J. Morley
Analysen und Stellungnahmen 12/2019

Bonn: German Development Institute / Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE)

DOI: 10.23661/as12.2019


Engl. Ausg. u.d.T.:
Dismantling the myth of the growth-inequality trade-off

(Briefing Paper 9/2019)

Herkömmlichen Wirtschaftsweisheiten folgend, ging man lange davon aus, dass es unmöglich ist, ein System gleichzeitig effizienter zu gestalten und auf eine größere Gleichheit der Menschen in diesem System hinzuarbeiten. Der Ökonom Robert Lucas beschrieb die Folgen dieses weitverbreiteten Axioms folgendermaßen: „Von allen Neigungen, die einer soliden Wirtschaft schaden, ist die Fokussierung auf Verteilungsfragen am weitesten verbreitet und aus meiner Sicht sogar am verheerendsten […] Das Potenzial zur Verbesserung des Lebensstandards der Armen durch verschiedene Arten der Umverteilung der gegenwärtigen Produktion verblasst im Gegensatz zum schier unerschöpflichen Potenzial zur Produktionssteigerung.“ (Lucas, 2004)

In der Tat haben viele Wirtschaftswissenschaftler die Meinung vertreten, dass eine geringe Ungleichheit oder eine zu großzügige Verteilung von Leistungen den Anreiz schmälern könnte, hart zu arbeiten und Risiken einzugehen. Jenseits der harschen Rhetorik von Lucas lässt sich diese Prämisse sicherlich aus praktischen wie aus ethischen Erwägungen heraus kritisieren. Zumal es Forschungsergebnisse aus den letzten Jahrzehnten gibt, wonach es in vielen Fällen gar nicht um ein „Entweder-Oder“ geht.

Es gibt umfangreiches Forschungsmaterial, das belegt, dass verstärkter Wettbewerb und größere wirtschaftliche Effizienz durchaus mit staatlichen Bemühungen zur Reduzierung von Ungleichheit und Armut kompatibel sind, wie etwa aus einem Bericht der Weltbank hervorgeht (Weltbank, 2016). Konträr zu einer weiteren weit verbreiteten Annahme über staatliche Eingriffe in die Wirtschaft, weist die Forschung ebenfalls darauf hin, dass solche Interventionen erfolgreich auf die Bedürfnisse aller Länder und zu jedem beliebigen Zeitpunkt angepasst werden können. Selbst Länder mit niedrigem oder mittleren Einkommen können während einer Wirtschaftskrise erfolgreich wirtschaftliche Umverteilungsmaßnahmen vornehmen, die vernachlässigbare Auswirkungen auf die Effizienz haben und des Öfteren sogar positive Wirkungen entfalten. Solche Maßnahmen, die gleichzeitig auf größere Gleichheit und größere Effizienz ausgerichtet sind, umfassen zum Beispiel Programme in den Bereichen frühkindliche Entwicklung, allgemeine Gesundheitsversorgung, hochwertige Bildung, konditionierte bargeldbasierte Transfers (cash transfers), Investitionen in die ländliche Infrastruktur sowie eine gut konzipierte Steuerpolitik.

Zentrale Bedeutung kommt folgenden vier Punkten zu:

(1)     Es geht nicht um ein „Entweder-Oder“. Entscheidungsträger müssen zugunsten des Wirtschaftswachstums nicht auf Maßnahmen zur Reduzierung von Ungleichheit verzichten. Eine gute Politik kann beides erreichen.

(2)     In den letzten beiden Jahrzehnten hat die Forschung substanzielle Belege dafür erbracht, welche Art von Politik sowohl das Wachstum fördert als auch Ungleichheiten reduzieren hilft.

(3)     Politik kann ungleichen Bedingungen, in die Kinder hineingeboren werden und die sich auf deren weitere Entwicklung auswirken, entgegenwirken.

(4)     In den meisten Fällen können alle Länder Maßnahmen implementieren, die sowohl auf größere Gleich­heit als auch auf mehr Wachstums abzielen.

About the author

Negre, Mario

Economist

Negre

Further experts

Baumann, Max-Otto

Political Scientist 

Mathis, Okka Lou

Political Scientist 

Richerzhagen, Carmen

Agricultural and Environmental Economist 

Stoffel, Tim

Political Scientist 

Sturm, Janina

Economist and political scientist 

Wehrmann, Dorothea

Sociologist 

Weinlich, Silke

Political Scientist 

Hilbrich, Sören

Economist 

Kloke-Lesch, Adolf

Urban and regional planner 

Lynders, Eva-Maria

Political Science 

Kaplan, Lennart

Economist 

Dick, Eva

Sociologist and Spatial Planner 

Malerba, Daniele

Economist 

Bauer, Steffen

Political scientist 

Brandi, Clara

Economist and Political Scientist 

Brüntrup, Michael

Agricultural Economist 

Burchi, Francesco

Development Economist 

Götze, Jacqueline

Political Scientist 

Hackenesch, Christine

Political Scientist 

Herrmann, Raoul

Economist 

Iacobuta, Gabriela

Environmental Researcher 

Janus, Heiner

Political Scientist 

Keijzer, Niels

Social Scientist 

Koch, Svea

Social Scientist 

Laudage, Sabine

Economist 

Loewe, Markus

Economist 

Srigiri, Srinivasa Reddy

Agricultural Economist