Das Hausrezept für eine bessere globale Ernährung?

Das Hausrezept für eine bessere globale Ernährung?

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Hampel-Milagrosa, Aimée / Michael Brüntrup
Die aktuelle Kolumne (2016)

Bonn: German Development Institute / Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE) (Die aktuelle Kolumne, 29.03.2016)

29.03.2016. Die Frage der Ernährungssicherheit der Haushalte ist nicht einfach. Und das Rezept für eine Lösung noch komplexer.

Im Januar 2016 veröffentlichte Oxford Medicine die dritte Auflage von „Nutrition for Developing Countries“. Diese wegweisende, im Themenfeld Ernährung anerkannte Publikation könnte die Sichtweise von Akteuren und ihr Herangehen an zentrale Fragen maßgeblich beeinflussen. Mit einfachen Worten wird erklärt, was gute Ernährung ist und wie arme Haushalte mit dem Wenigen, das sie haben, für ausreichende Ernährung sorgen können. Das Buch basiert auf den Erfahrungen internationaler Autoren mit praktischen Lösungsansätzen, die den Nährstoffbedarf von Säuglingen, Kindern, Schwangeren und Stillenden decken, Fehlernährung und Vitaminmangel entgegenwirken und Fettleibigkeit und Diabetes eindämmen.

Ein wichtiger Abschnitt, das Kapitel 26, behandelt indes die völlig andere Frage: „Wie lässt sich die Ernährungssicherheit der Haushalte verbessern?“ Dass Ernährung und Ernährungssicherheit langsam zu einem Thema verschmelzen, ist eine gute Entwicklung, die aber fundiert und ausgewogen sein muss. Das bedeutet, dass beide Seiten versuchen, die Anliegen der jeweils anderen zu verstehen. Misslingt dies, kann das dazu führen, dass künftige Maßnahmen an den wahren Problemen vorbeigehen oder ungeeignete Lösungen versuchen.

Kapitel 26 beschreibt, wie Haushalte in ländlichen und urbanen Räumen Nahrung in Haus- und Nutzgärten erzeugen können („kitchen gardening“). In solchen Gärten lässt sich eine Fülle saisonaler Gemüse, Früchte, Kräuter, Hülsenfrüchte und Knollen in kleinen Mengen anbauen: ein ganzjähriges Nahrungsangebot. Das Buch nennt mikronährstoffreiche Nutzpflanzen, deren Anbau an die Haushaltskasse angepasst werden kann. Und es bietet ein schlagendes Argument für integrierte Acker- und Viehwirtschaft, eine Kombination aus Pflanzenbau und Nutztierhaltung mit Hühnern, Enten, Kaninchen, Ziegen, Fischen usw. Sie deckt den Eiweißbedarf der Familie und liefert Produkte, die sich auf dem Markt verkaufen lassen.

Das Buch zeigt gangbare Wege, die Ernährung zu verbessern. Bedenklich ist jedoch, dass es als Hauptursache von Ernährungsunsicherheit einzig die wachsende Bevölkerung und Urbanisierung ansieht und die dominierende Bedeutung des wirtschaftlichen Zugangs zu Nahrung ignoriert. Ernährungs- und bevölkerungsrelevante Aspekte werden über-, Armut und andere Einflüsse auf den Zugang unterbewertet – eine ökonomisch und sozial kurzsichtige und politisch blinde Sichtweise.

Ernährungsunsicherheit ist ein unübersichtliches Wechselspiel vieler, oft tief in Armut verwurzelter Kräfte. Armut ist das Ergebnis sehr niedriger (oder fehlender) Einkommen in weiten Teilen der Bevölkerung und/oder fehlender wirtschaftlicher Transferleistungen aus sozialen Netzen oder staatlichen Transfersystemen.

Ohne andere Ursachen für Armut im ländlichen Raum wie den Mangel an Land und Wasser zu vernachlässigen, sind Einkommen in der Landwirtschaft niedrig, weil die Produktivität gering ist. In vielen armen Ländern erwirtschaften die Kleinbauern nur 15–30 Prozent des Möglichen. Das reduziert die Erzeugung für Eigenbedarf und Handel und damit die Möglichkeit, andere notwendige Produkte und Dienste wie Lebensmittel, Bildung, Gesundheit und Kommunikation einzukaufen. Überdies dämpfen niedrige Agrarumsätze und -einkommen das lokale Wirtschaftsleben, die Nachfrage nach Arbeitskräften und Betriebsmitteln, Lohnsteigerungen und nichtagrarische Aktivitäten. Sozial- und Bargeldtransfers fehlen in vielen armen Ländern, da die Mehrheit der Einwohner arm ist, vom informellen Sektor lebt, keine Steuern zahlt und keinen politischen Einfluss hat. Das ist Armut!

Der Motor, der landwirtschaftliche Produktivität und Einkommen steigen lässt, ist oft ein besserer Marktzugang. Den erhalten Kleinbauern aber nur, wenn sie durch eine Intensivierung der Produktion ihre Erträge steigern können. Voraussetzung ist ein verstärktes Bemühen um z. B. Land, Wasser, Arbeitskräfte, biologische Ressourcen und Fachwissen. Kleinbauern, die überwiegend auf eigene Mittel wie Kompostierung, Düngung und Mehrebenen-Produktion setzen, haben in schwierigen Zeiten oft mehr Arbeit, als sie bewältigen können. Sie müssen Kräfte einstellen oder Maschinen kaufen – ohne zusätzliches Kapital unmöglich.

Bareinnahmen aus Agrarproduktion setzen gute, kalkulierbare Marketingkanäle und einträgliche, stabile Preise voraus. Selbst wenn ein marktfähiger Überschuss erzielt wird, bleibt noch die Hürde, ihn zum Markt zu transportieren und zu konkurrenzfähigen Preisen zu verkaufen. Die Produkte konkurrieren mit denen anderer Anbieter, ob lokal oder international. Für Gemeinschaften in Randgebieten, die kaum Zugang zu Märkten haben, stellt das Einschleusen ihrer Erzeugnisse in Wertschöpfungsketten eine gewaltige Herausforderung dar.

„Nutrition for Developing Countries“ zufolge gewährleistet häusliche Nutzpflanzenproduktion die Ernährungssicherheit der Haushalte. Diese These weicht jedoch dem drängenden Problem chronischer Armut in ländlichen Haushalten aus und spielt die Hürden auf dem Weg zum Marktzugang herunter. Die Frage der Ernährungssicherheit der Haushalte ist komplexer, als viele denken, und ihre Antwort ist es erst recht.

Über den Autor

Brüntrup, Michael

Agrarökonom

Brüntrup

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