Photovoltaik: die chinesische Herausforderung

Photovoltaik: die chinesische Herausforderung

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Fischer, Doris
Die aktuelle Kolumne (2012)

Bonn: German Development Institute / Deutsches Institut für Entwicklungspolitik (DIE) (Die aktuelle Kolumne vom 10.04.2012)

Bonn, Würzburg, 10.04.2012. In diesem Jahr, in dem die Vereinten Nationen das Motto „Sustainable Energy for All" propagieren und die Bedeutung von grünem Wachstum hervorheben, sollten einige Leute richtig glücklich sein: jene in der Erneuerbare-Energien-Branche. Offenbar sind sie es aber nicht, zumindest nicht in der Solarindustrie. Etwa ein Dutzend amerikanische Solarfirmen wurden in den letzten zwölf Monaten geschlossen und von den verbleibenden haben einige Handels- und Dumping-Klagen gegen die chinesische Konkurrenz eingereicht. Auch einige deutsche Firmen sind kürzlich Pleite gegangen, und Q-Cells, einst Weltmarktführer der Solarzellenproduktion, hat letzte Woche Insolvenz angemeldet. Selbst in der chinesischen Solarindustrie scheint keiner wirklich glücklich zu sein. Viele chinesische Solarzellen und -modulhersteller haben ihre Produktion Ende letzten Jahres ausgesetzt und eine Reihe von Siliziumherstellern stellte Berichten zufolge in diesem März vorerst die Produktion ein. SunTech, eine der großen chinesischen Firmen der Solarbranche, befand sich Ende letzten Jahres in großen Schwierigkeiten. Trotzdem konnten wir erst kürzlich lesen, dass die globalen Solarinstallationen in 2011 und im ersten Quartal 2012 hohe Wachstumsraten erzielt haben.

Was ist los mit einer Branche, deren Firmen trotz beträchtlichen Branchenwachstums in die Krise schlittern?

Die Entwicklungen des globalen Solarmarktes sind aus einer Reihe von Gründen nicht leicht zu interpretieren:

Erstens sind die Zahlen verwirrend. Einigen Branchenberichten zufolge lag die weltweite Zellproduktion 2011 bei 29,6 Gigawatt (GW), die Nachfrage aber nur bei 27,4 GW. Andere Berichte behaupten, dass allein in China 37 GW Solarzellen produziert wurden. Während im ersten Fall der Angebotsüberschuss nur etwa 7 Prozent betragen hätte, bedeutete die zweite Nachricht, dass allein die chinesische Produktion die globale Nachfrage weit übertroffen hat. Was erwarten wir in Zeiten derartiger Überproduktion? Wir erwarten ein Stagnieren oder gar einen Rückbau der Produktionskapazitäten. Erneut sind die Zahlen irritierend, denn angeblich planen chinesische Hersteller eine Ausdehnung der Produktionskapazitäten auf 69 GW bis Ende 2012. Zwar würde sich damit das Tempo des Kapazitätsausbaus verlangsamen (nur 19 (sic!) statt 57 Prozent in 2011), aber es bleibt trotzdem schwer verständlich, warum Unternehmen in Anbetracht hoher Kapazitätsüberhänge in den Ausbau investieren.

Zweitens: Der Markt ist von kurzen Zyklen geprägt. Kaum ein Markt war im letzten Jahrzehnt so volatil wie der Photovoltaikmarkt. Die Preise für reines Silizium bewegten sich 2008 noch in astronomischen Höhen, nur um dramatisch einzubrechen, nachdem einige chinesische Hersteller erfolgreich in den Markt drängten und das zuvor dominante internationale Oligopol aufbrechen konnten. Dann schien die Finanzkrise die Branche zu bedrohen, doch statt dessen löste die Ankündigung dramatischer Senkungen des Einspeisetarifs in Deutschland kurzfristig sogar einen Installationsboom in diesem wichtigen Solarmarkt aus, da Investoren ihre Anlagen noch vor den relevanten Stichtagen anmelden wollten. Marktprognosen erweisen sich also auch deshalb immer wieder als schwierig, weil der Markt weiterhin von politischer Unterstützung abhängig ist. Sogar die halbherzige Einführung eines Einspeisetarifs in China im Sommer 2011 konnte einen Installationsschub in dem Land auslösen, das bis dahin kaum beachtliche Installationswerte ausgewiesen hatte.

Drittens gehen die Interpretationen der Marktentwicklungen weit auseinander. Aus amerikanischer Sicht war die Marktentwicklung bis 2010 erträglich. Zwar importierten die USA mehr Zellen und Module als sie exportierten, aber sie profitierten vom Ausbau der chinesischen PV-Industrie über die höheren Maschinen- und Siliziumimporte Chinas. Diese Handelsbilanz hat sich kürzlich verändert und die amerikanischen Hersteller sehen ihre Perspektiven dahinschwinden. So beschuldigen sie nun die chinesischen Hersteller des unlauteren Wettbewerbs (Dumping) und die chinesische Regierung der unfairen Subventionierung des Sektors. Aus chinesischer Sicht verwirren diese Vorwürfe, denn sie unterstellen strategische Unterstützung durch die Zentralregierung. Dabei hat die Zentralregierung der chinesischen Solarindustrie in der Vergangenheit nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt als anderen arbeitsintensiven Exportindustrien.

Die Situation wird etwas klarer, wenn die Lokalregierungen mit ins Bild genommen werden. Viele Lokalregierungen erhofften sich Vorteile von der Förderung der „neuen“ Industrien, zumal die Solarindustrie wegen der großzügigen Solarförderung im Ausland (insbesondere in Deutschland) komfortable Margen für chinesische Hersteller versprach. Anfangs waren die Geschäftsmöglichkeiten begrenzt, da die Preise für Silizium sehr hoch waren. Doch das änderte sich um 2008 als die ersten chinesischen Unternehmen wesentliche technische Hürden überwanden. Unternehmen und Lokalregierungen erkannten ihre Chance. Nun wurden viele Produktionsanlagen importiert und große Kapazitäten in der Zell- und Modulproduktion aufgebaut, um die chinesischen Wettbewerbsvorteile auszunutzen, die sich aus niedrigen Arbeitskosten, niedrigeren Umwelt- und Sozialstandards sowie den Skalenerträgen der Massenproduktion ergeben. Die Erfahrungen anderer Branchen wiederholend, entstanden in kürzester Zeit erhebliche Überkapazitäten und damit beinharter Wettbewerb zwischen den chinesischen Unternehmen. Doch die notwendige Marktbereinigung blieb weitgehend aus. Chinesische Lokalregierungen zögern mit der Schließung von Unternehmen, die potentiell wichtig für die lokale Wirtschaftsentwicklung sind. Sie zögern auch, weil die Schließung zu Arbeitslosigkeit und damit möglicherweise zu lokalen Protesten führen könnte. Subventionen? Nein! Man wehrt sich gegen die Folgen der veränderten Förderpolitik im Ausland und gegen die vielen Konkurrenten in China. Bieten die Regierungen in den USA und Europa ihren Solarunternehmen nicht auch günstige Kredit- und Investitionsbedingungen? Dumping? Nein! Ein Unternehmen in China muss verkaufen, auch zu sehr niedrigen Preisen, um die Lokalregierung davon zu überzeugen, dass es noch im Geschäft ist, dass es noch ein Arbeitgeber und deshalb wichtig ist.

In der Krise der Branche werden die Systemunterschiede deutlich: Während amerikanische und europäische Firmen in einem System arbeiten, das recht rigide Regeln und Prozeduren für Kreditvergabe, Insolvenz und Konkurs vorsieht, genießen ihre chinesischen Konkurrenten weichere Budgetrestriktionen, da die lokalen Regierungen und die Banken bereit sind, ihr Überleben zu stützen, solange sie wichtig für die lokale Wirtschaft sind und am Horizont das Geschäft des zukünftigen chinesischen Installationsmarktes lockt. Dies gilt nicht als Subvention, das ist kein bewusstes Dumping. Die Unternehmen in diesem chinesischen System empfinden ihre Situation weder als komfortabel, noch fühlen sie sich privilegiert. Aber im Ergebnis werden sie länger in der Solarindustrie überleben. Wer dies für die Solarindustrie ändern will, der muss das chinesische Wirtschaftssystem verändern. Das aber würde in jedem Fall länger dauern, als der Atem der meisten europäischen und amerikanischen Unternehmen in der Solarindustrie reicht.

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